Jusos in der SPD - Unterbezirk Odenwaldkreis

 

Meine Meinung!

Hessische Schulpolitik – ungerecht und willkürlich!

Ein Kommentar von Christian Senker

Die Einführung von G8 war die größte Fehlentscheidung in der hessischen Schulpolitik. Der Sinn dieser um ein Jahr verkürzten Schulzeit ist nach wie vor nicht wirklich zu erkennen. Geht es darum den Nachwuchs schnellstmöglich an den Arbeitsmarkt zu bringen oder einfach nur um Kostenersparnisse für das Land? Wie auch immer: G8 ist auf ganzer Linie gescheitert. Wenn Kinder schon zu Beginn der weiterführenden Schule keine Zeit mehr für Hobbies, Freizeit und Teilnahme am Vereinswesen haben, dann bleiben soziale Kontakte sowie die freie Entwicklung der Kinder auf der Strecke. Als selbst in der Jugendarbeit aktiver Mensch kann ich bestätigen, dass der Wechsel von der Grundschule in die fünfte Klasse zwar nicht immer, aber in vielen Fällen das Ende der Aktivitäten im Verein mit sich bringt. Als Grund wird von Eltern oftmals der wachsende Druck in der Schule genannt. Kein Wunder wenn nach einem Jahr Schulenglisch in der fünften Klasse direkt die zweite Fremdsprache in der sechsten Klasse folgt, nur um ein Beispiel zu nennen. Die Schule kann die Versäumnisse in der sozialen Entwicklung nicht auffangen. Lehrerinnen und Lehrer sind zum Teil schon überfordert, wenn das ein oder andere Kind aus der Reihe tanzt. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Oftmals hilft es dann nur, die unaufmerksamen Kinder von der Klasse zu trennen. Ausschluss als pädagogisches Mittel? Man kann von Lehrkräften kaum erwarten, dass sie neben dem engen Lehrplan noch Zeit für die Vermittlung sozialer Kompetenzen haben. Natürlich gibt es wie immer Ausnahmen, dennoch ist die stressbelastete Atmosphäre einer Schule dafür alles andere als geeignet. So ist es also kein Wunder, dass Schüler und Eltern Sturm laufen und eine Rückkehr zu G9 fordern. Die Landesregierung beugte sich zuletzt diesem immer größer werdenden Druck. Einsehen dass G8 auf ganzer Linie gescheitert ist, will sie nach wie vor nicht. Daher wurde nun eine Wahlfreiheit für Gymnasien geschaffen. Die Schulen sollen selbst entscheiden können, ob sie G8 behalten oder zu G9 zurückkehren wollen. Problematisch bei dieser Wahlfreiheit ist allerdings, dass es für manche Schulen erneut eine große Umstrukturierung bedeuten würde, auf G9 zurück zu wechseln. Einige Schulen und Lehrkräfte wollen sich diesen erneuten Wandel ersparen. Eltern können zwar selbst entscheiden, auf welche Schule ihre Kinder gehen sollen, die verbliebenen G8 Anbieter lassen sich laut ECHO-Bericht (29.04.13) aber nicht so einfach meiden. In größeren Städten im südhessischen Raum bleiben viele Schulen bei G8. In Darmstadt kehrt beispielsweise kein Gymnasium zu längeren Schulzeit zurück. Von einer Wahlfreiheit für alle Schülerinnen und Schüler kann also nicht die Rede sein. Man kann Glück haben und in der Nähe einer G9 Schule wohnen oder eben keine erreichbare Schule mit dem gewünschten Angebot in der Nähe haben. Im Odenwaldkreis haben die Schülerinnen und Schüler Glück: Hier wurde es der Georg-August-Zinn-Schule Reichelsheim und dem Gymnasium Michelstadt ermöglicht, G8 und G9 – Zweige parallel anzubieten. Hier kann also ausnahmsweise von Wahlfreiheit gesprochen werden. Wenn die Hessische Landesregierung sich den kompletten Wechsel von G8 zurück zu G9 nicht traut, dann ist es zumindest ihre Pflicht, für alle Schülerinnen und Schüler in ganz Hessen eine wirkliche Wahlfreiheit zu schaffen. Es kann nicht sein, dass Kinder hier wegen ihres Wohnorts benachteiligt werden. Im Notfall müssen Schulen eben dazu verpflichtet werden, beide Zweige anzubieten. Doch die Forderungen von Eltern gehen sogar noch weiter: Auch fünften und sechsten Klassen soll es ermöglicht werden, sich von G8 abzuwenden. Warum auch nicht? Soll ihnen, nur weil sie ein bis zwei Jahre früher eingeschult wurden, die Möglichkeit dem G8 – Stress zu entgehen, verweigert werden? Doch hier legt das Hessische Kultusministerium sowohl Eltern als auch Schulen Steine in den Weg. Als Beispiel gilt das Überwald-Gymnasium in Wald-Michelbach (Kreis Bergstraße). Dort wollten alle Eltern der Fünftklässler, dass ein nachträglicher Wechsel zu G9 ermöglicht wird. Die Schule sieht hier laut ECHO – Bericht (29.04.13) keine Probleme. Doch das Hessische Kultusministerium lehnt diese Möglichkeit ab. Weshalb von Oben verhindert wird, dass dem Wunsch aller Eltern und Kinder dieser Schule, der zudem problemlos umsetzbar wäre, nicht entsprochen wird, ist für niemanden nachvollziehbar. Diese Entscheidung entspricht eindeutig nicht mehr dem Wunsch der betroffenen Bevölkerung und scheint sehr willkürlich getroffen worden zu sein. Dass die Schulpolitik von CDU und FDP in Hessen auf ganzer Ebene versagt hat, zeigt auch, dass auf einen Aufsteiger, also auf jemanden der beispielsweise vom Realschulzweig in den gymnasialen Zweig wechselst, in Hessen neun Absteiger kommen. Zum Vergleich, der deutsche Durchschnitt liegt bei 1:4, das ist auch kein besonders gutes Ergebnis aber dennoch deutlich besser als in Hessen! Erschreckend ist auch, dass in Hessen die Zahl der Schülerinnen und Schüler die private Nachhilfe in Anspruch nehmen zugenommen hat. Hessen liegt im Bundesdurchschnitt nach Angaben der Bertelsmann – Stiftung (2010) bei den pro Schüler/Schülerin gezahlten Kosten für private Nachhilfe mit jährlich 124 Euro auf Platz vier. Also hat mittlerweile nur noch, wer sich zusätzlich private Nachhilfe leisten kann, die Chancen mitzuhalten? Dabei sollte es die Aufgabe von Schulen sein, private Nachhilfe überflüssig zu machen und dafür zu sorgen, dass jeder Schüler und jede Schülerin im Unterricht mithalten kann. Im Moment erscheint es aber viel mehr so, dass private Nachhilfe zunehmend zu einem festen Bestandteil des hessischen Bildungssystems wird. Diese Entwicklung führt nicht zuletzt zu einer gravierenden Ungleichheit zwischen Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlich wohlhabenden Verhältnissen. Es muss sich also einiges verändern damit für Gerechtigkeit und Chancengleichheit in Hessens Schulen gesorgt ist. Die Verkürzung der Schulzeit war eindeutig die falsche Richtung, dies sollten nun endlich alle Beteiligten einsehen. Jedem Kind sollte es ermöglicht werden, sich außerschulisch zu entwickeln, dadurch soziale Kompetenzen zu stärken und vor allem, Zeit für die eigene freie Entfaltung zu haben. Nur so kann ein stressfreies Lernen und Leben ermöglicht werden.